Abschlussreflexion

Vor dem Freiwilligendienst

Die Entscheidung, dass ich nach dem Abitur ins Ausland möchte, habe ich gar nicht aktiv getroffen. Dieser Gedanke ruhte schon lange in mir und die Entscheidung für Südamerika traf ich auch eher unbewusst, da ich einerseits in ein unbekanntes Land reisen und andererseits Spanisch lernen wollte. Mein Fokus bei der Recherche lag aber sowieso mehr auf den einzelnen Projekten, bei denen ich mir die Inhalte ansah. Ich überlegte zwischen Musikprojekten mit Straßenkindern, Schulassistenzen und Kinderdörfern, bis ich schließlich entschied, direkt mit den Kindern Zusammenleben und Beziehungen aufbauen zu wollen, so dass nurnoch Kinderdörfer übrig blieben. Nachdem mir das eine Kinderdorf durch mein Alter verschlossen blieb, bewarb ich mich voller Vorstellungen und Vorfreude im Juli 2018 bei Volunta und wurde kurzum zum Vorstellungsgespräch eingeladen und direkt für mein favorisiertes Projekt angenommen.

Je näher meine Abreise rückte, umso größer wurden trotzdem auch meine Zweifel. Ein ganzes Jahr ohne Familie und Freunde ist schon ziemlich lang… Und wieso mache ich es mir selbst so schwer und reise nicht einfach in ein englischsprachiges Land? Wieso möchte ich denn Spanisch überhaupt lernen und wozu brauche ich das danach?

Der Abschied aus Deutschland war sehr schmerzhaft und ich begann, das Jahr vorerst als eine Challenge an mich selbst zu sehen. Ich wollte das unter allen Umständen durchziehen, um die Erfahrungen zu sammeln, auch wenn sie nicht nur positiv sein würden.

Die ersten zwei Monate

Anfangs war ich maßlos überfordert. Meine ideologischen Vorstellungen von friedlichem Spielen mit den Kindern und ausschließlich Erfolgserlebnissen stimmten natürlich nicht mit der Realität überein. Hinzu kam die Sprachbarriere, die zu Beginn problematischer war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fühlte mich schon fast kindlich naiv, denn mit solchen Dingen hätte ich schließlich rechnen können. Auch das Heimweh holte mich immer wieder ein, wenn erneute Enttäuschungen bei der Arbeit mit den Kindern mich erreichten. Aufgeben war trotzdem nie eine Option für mich und ich bin dankbar, dies alles durchgestanden zu haben.

Die Leiter auf unsere Dachterrasse – einer der wenigen Rückzugsorte

Weitere Entwicklungen

Ich gewöhnte mich mehr und mehr an die Kinder, die Sprache, die Tätigkeiten und das hohe Arbeitspensum. Außerdem bekamen Emma und ich durch die neuen Freiwilligen Unterstützung und neuen Schwung. Die Arbeit konnte ich inzwischen mehr genießen und die Verständigung auf Spanisch stellte sich für mich meist einfach dar. Mit den alltäglichen Abläufen war ich wurde ich vertrauter und hatte meinen Platz im Kinderdorf gefunden. Im November konzentrierten sich alle auf die Vorbereitungen des Jubiläums und im Dezember auf Weihnachten, so dass gar keine Zeit für schlechte Gedanken oder Laune blieb. Mit Beginn der Sommerferien fiel die ganze Last ab und ich war sehr zufrieden über all die erreichten Ziele und schönen Erinnerungen. Nun hatte ich wieder mehr Zeit für mich und auch für eine Reise, die mir sehr gut getan hat. Auch nach meiner Rückkehr ins Kinderdorf konnte ich die Sachen gelassen angehen und verbrachte meine Zeit sehr gerne und viel mit den Kindern. Ich hatte mir schon längst abgewöhnt, zu viele Ansprüche oder hohe Erwartungen an mich und die Entwicklung der Kinder zu stellen, sondern konnte die Momente einfach genießen.

Das Ende

Der Abschied kam sehr plötzlich und hat mich überrumpelt. Meine Gefühle, nachdem ich erfahren habe, dass wir nach Hause müssen, schwankten tagelang zwischen Trauer, Wut und Hilflosigkeit, aber auch Vorfreude, dann schließlich Akzeptanz. Dass ich das neue Schuljahr, Geburtstage und weitere Reisen nun nicht mehr erleben kann, finde ich trotzdem noch schade, denn ich werde nie wieder so lange und gut im Kinderdorf integriert leben.

Zurück in Deutschland

Die Begrüßung meiner Familie am Flughafen hat sich angefühlt, als wäre ich gar nicht wirklich weg gewesen. Insgesamt ist es noch irreal, im Kinderdorf gewesen zu sein, da ich diese Welt mit niemandem teilen kann, da meine Familie und Freunde nie dort waren und es nicht kennen.

Wiedersehen am Frankfurter Flughafen

Die ersten Dinge, die mir an Deutschland aufgefallen sind: das Wetter (denn ganz so kalt war es in Peru nichtmal im Winter), die Straßen und Häuser („makellos“ instand gehalten, sauber und nicht umzäunt) und die Sauberkeit (im Gegensatz zum Leben in der Steinwüste, wo das Staubaufkommen einfach riesig ist). Ich genieße auch die vielen Möglichkeiten beim Einkaufen und das abwechslungsreiche Kochen oder Backen.

Weniger Möglichkeiten gibt es leider in der Freizeitgestaltung, die durch Corona eingeschränkt ist. Meine Großeltern konnte ich noch nicht besuchen und treffe mich auch nur wenig mit Freunden. Weder gemütliche „Singstar“- oder „Wii“-Abende, worauf ich mich in Peru schon gefreut hatte, noch der Gang ins Deja sind zurzeit möglich.

Meine persönliche Entwicklung

In diesen knapp acht Monaten habe ich viel Neues gesehen, stand Problemen gegenüber und wurde mit meinen eigenen Grenzen konfrontiert. Ich habe Dinge gefühlt und bin in Situationen gewesen, die ich vorher so nicht kannte. Dadurch bin ich teilweise über mich hinausgewachsen, mir wurden die Augen geöffnet und ich habe dazugelernt…

Außerdem ist bei mir ein Umdenken in Bezug auf Konsum erfolgt. Seitdem ich gesehen habe, wie klimafreundlich im Kinderdorf oder auch in den Anden gelebt wird und wer bald schon – selbst unverschuldet – unter den Folgen des Klimawandels leiden wird, ist mein Bewusstsein für Kaufen und Müll gestiegen.

Das offensichtlichste an meiner Veränderung ist wohl, wie ich mich ernähre. Während ich vor meinem Freiwilligendienst nur sehr wenige Dinge gegessen und probiert habe, schmeckt mir inzwischen fast alles. Außerdem helfe ich beim Kochen zuhause viel mit oder koche, spüle und putze ganz alleine, da ich in Peru gemerkt habe, wie sehr man die Hilfe anderer schätzt und wie viel Arbeit durch solch „kleine“ Dinge zusammenkommt.

Alles in allem bin ich Dankbar, die Möglichkeit gehabt und genutzt zu haben, im Kinderdorf in Peru zu leben und zu arbeiten. Ich bin stolz, auch schwierige Zeiten überstanden und Probleme gelöst zu haben. Froh kann ich nun auf die vielen wundervollen Erinnerungen zurückblicken, die mir im Gedächtnis und durch Fotos für immer bleiben werden.

Mein Abschied vor zwei Wochen

Ab Montag (15. März) war klar, dass unser weltwärts-Freiwilligendienst vorzeitig beendet werden muss und wir zurück nach Deutschland fliegen. Wie das ganze trotz Ausgangssperre, Flugverbot und Grenzschließungen organisiert werden und wann die Heimreise sein würde, konnte aber noch niemand sagen. Die Ungewissheit war das Quälendste, denn ab diesem Zeitpunkt saßen wir auf gepackten Koffern und verabschiedeten uns quasi jeden Tag.

Ein Plakat zum Andenken, das am einem meiner letzten Abende entstand

Diese Nachricht war ein Schock für Emma und mich und wir waren erstmal verzweifelt. Wir hatten uns beide auf den Schulbeginn nach drei Monaten Ferien gefreut, ab dem ich den ganzen Vormittag in der dritten Klasse – meiner Lieblingsklasse:) – mitgeholfen hätte und mir schon viele Gedanken gemacht und Ideen dafür gesammelt hatte. Außerdem stand der Besuch meiner Eltern im Mai noch bevor und ich wollte weitere Teile Perus, v.a. den Amazonas, kennenlernen. So viele wertvollen Erlebnisse und Erfahrungen wurden uns durch eine einzige Nachricht, dass wir schnellstmöglich heim müssen, genommen. Insgesamt war so ein abruptes Ende unvorstellbar, denn wir dachten ja, bis August zu bleiben.

Am Dienstag gab es immernoch keine neuen Informationen. Jedoch war nun auch für die anderen vier Freiwilligen vom IVWK klar, dass sie bald nach Hause reisen würden. Von Mentoren, Entsendeorganisationen, dem Ministerium und der Botschaft in Lima kamen überall verschiedene Informationen, die uns dadurch natürlich auch nicht beruhigen konnten. Währenddessen wurden die Maßnahmen in Peru weiter verschärft und wir durften wirklich keinen Schritt mehr aus dem Kinderdorf treten. Die Situation änderte sich gefühlt stündlich und das hat uns verrückt gemacht. Inzwischen hatte ich mich einigermaßen damit abgefunden, nach Hause zu fliegen, weil ich sowieso nichts dran ändern kann, aber trotzdem war es kein schönes Gefühl.

Erinnenungsfoto

Am Mittwoch wurde uns nun gesagt, dass man selbst, um bis nach Lima zu kommen einen polizeilich ausgestellten Passierschein braucht. Dieser sollte für uns alle beantragt werden, damit wir möglichst bald nach Lima zu unserem Mentor fahren können, um gegebenenfalls näher am Flughafen zu sein. Durch diesen Schritt war sehr wahrscheinlich, dass es der letzte Abend im Kinderdorf und in meinem Haus ist, weshalb ich Wunderkerzen und einen Kuchen mitgebracht habe, um die Zeit etwas ausklingen zu lassen und mich zu bedanken.

Donnerstag morgen, als ich in der Küche und alle anderen am Packen und den Haushalt räumen waren, kam die Information, dass man für den Passierschein ein gültiges Flugticket vorlegen musste, über das wir alle noch nicht verfügten. Daraus schlossen wir, erstmal sowieso nicht aus dem Kinderdorf gehen zu müssen. Nur wenige Minuten später hatten wir trotzdem alle unseren Passierschein (?) und sollten innerhalb der nächsten zwei Stunden abreisen. Mittags konnten wir uns noch in den Häusern verabschieden, was niemandem leicht viel. Tränen waren vorprogrammiert und es war schön zu sehen, dass auch den Kindern und Erwachsenen der Abschied schwer viel. Dadurch wurde mir das Gefühl gegeben, etwas Bleibendes bewirkt zu haben, selbst wenn es nur die schönen Erinnerungen sind. Ich bin super traurig, die Kinder so zurückgelassen zu haben und nicht weiter zusehen und mithelfen zu können, wie sie über sich selbst hinauswachsen.

Abschiedsfoto mit meinem Haus

Auch nachdem wir uns ausgiebig verabschiedet hatten, kamen viele noch mit zum Auto, um uns zum 100sten Mal zu umarmen, alle Gute zu wünschen und zu winken. Mich umzudrehen, ins Auto zu setzen und wegzufahren hatte etwas, das sich ziemlich unwirklich angefühlt hat. Dass ich – erstmal für unbestimmte Zeit – ein letztes Mal durch diese Landschaft fuhr, konnte ich noch nicht realisieren und ließ es deswegen einfach an mir vorbeiziehen. Als wir beim Tambo nach einem Taxi suchten, merkten wir schnell, dass es aufgrund der Ausgangssperre ziemlich unwahrscheinlich war, mitgenommen zu werden, da die Straßen alle komplett leer und leise waren. Dadurch musste der Chef vom Kinderdorf mit uns weiter Richtung Lima fahren, bis wir endlich zwei Taxifahrer fanden, die bereit dazu waren und die nötigen Genehmigungen hatten, uns nach Lima zu bringen. Auf dem Weg wurden wir von Polizei und Militär je einmal genauestens kontrolliert und sind schließlich bei unserem Mentor Jürgen angekommen. Dort mussten wir dann eine Woche lang auf dem Grundstück ausharren, bis wir einen Flug nach Deutschland bekommen haben.

Coronavirus und das Ende meines FSJs

Ich bin frühzeitig zurück in Deutschland. Wegen Corona. Alle weltwärts-Freiwilligen wurden aus der ganzen Welt zurückgeholt und auch den anderen Freiwilligen wurde die Heimreise nahegelegt.

Hier die ganze Geschichte: Nachdem das Virus in China ausgebrochen ist und sich auch in Europa verbreitete, gab es Anfang März schließlich ebenfalls erste infizierte in Peru. Die peruanische Regierung hat, um die Ausbreitung einzudämmen, sehr schnell gehandelt und die Ereignisse in den letzten Tagen haben sich überschlagen. Zuerst wurde der Schulbeginn vom 16. März noch nach hinten verschoben (erstmal für zwei Wochen, aber wir werden sehen…) und Flüge von und nach Europa und Asien wurden alle gesperrt. Die bestätigten Coronafälle in Peru befinden sich momentan noch im dreistelligen Bereich, Tendenz steigend. Am nächsten Sonntag, dem 15. März, wurde der nationale Notstand erklärt und eine 15-tägige Ausgangssperre ab Montag verhängt. Diese wird durch Polizei- und Militärpatrouillen strikt kontrolliert und auch über Straßensperren durchgesetzt. Zugänglich sind nurnoch medizinische Einrichtungen, wenige Lebensmittelgeschäfte und manche Menschen dürfen zur Arbeit gehen.

Die Lage im Kinderdorf ist sehr entspannt geblieben. Wir hätten ebenfalls in Isolation gelebt und hätten das Kinderdorf nicht verlassen dürfen. Da wir die meiste Zeit sowieso dort verbracht haben und das Gelände groß ist, sowie die sozialen Kontakte alle bestehen bleiben würden, wäre das kein Problem für uns. Essensvorräte gab es auch genug und ein Verantwortlicher hat ein Dokument, mit dem er zum Einkaufen das Kinderdorf verlassen darf. Also alles kein Grund zur Panik.

Trotzdem kam die schockierende Nachricht wie ein Schlag ins Gesicht, dass alle weltwärts-Freiwilligen vom Bund eingezogen werden und schnellstmöglich die Rückreise nach Deutschland organisiert wird. Wann und wie war aber nicht klar, denn das Land wurde schließlich lahmgelegt und auch wir haben uns sehr sicher gefühlt und wären gerne geblieben.

Klar, das Virus sollte nicht unterschätzt werden und alle Länder machen gerade ihre Grenzen zu. Klar, man weiß nicht, wie sich die Lage entwickelt. Klar, in Peru kann man das Gedankenspiel bis zum Bürgerkrieg durch Essensknappheit und Armut führen… aber wir wollten einfach nicht weg aus dem Kinderdorf, um dann in Deutschland ebenfalls „eingesperrt“ zu sein und bis zum Studienbeginn nichts zu tun zu haben.

Inzwischen haben wir uns damit abgefunden, dass wir nicht bleiben konnten. Wir sind uns alle einig, dass wir ins Kinderdorf und nach Peru allgemein zurückkommen werden, aber erstmal wird das Leben dort ohne uns weitergehen.

Wir sind am Donnerstag letzter Woche schließlich alle sechs Freiwilligen aus dem Kinderdorf zu unserem Mentor nach Lima gefahren, um näher am Flughafen zu sein und auf den Rückflug zu warten. Die Rückholaktion wurde groß angekündigt, dann wurden die Flüge jedoch wieder abgesagt, da mit der peruanischen Regierung kein Konsens gefunden werden konnte. Am darauffolgenden Mittwoch Nachmittag kam endlich der erlösende Anruf des Konsulates, dass uns für Donnerstag Flugtickets zur Verfügung stehen. In wenigen Stunden würden wir also schon Peru verlassen, worüber wir inzwischen aber sehr froh sind, da die Situation unter Ausgangssperre und Ungewissheit langsam unschön wurde.

Der Anruf zum Rückflug galt nur uns weltwärts-Freiwilligen, also Emma, Sophie, Hannah und mir. Die beiden Mädels mussten kurzum ihre Wohnung räumen und auch zu Jürgen kommen, so dass wir am nächsten Tag um 6 Uhr am Treffpunkt sein könnten. Das Gepäck musste noch auf 20 + 5kg pro Person reduziert werden, dann waren wir eigentlich soweit und konnten die letzten Stunden genießen. Die anderen Freiwilligen des IVWK mussten weiter warten, denn für sie war noch kein bestimmter Flug vorgesehen.

Eine Woche, nachdem wir das Kinderdorf verlassen hatten, konnten wir also ausreisen. Der Flug wurde über den Militärflughafen abgewickelt, weshalb wir uns in der Stadt im deutschen Club getroffen haben und in Bussen dorthin gebracht wurden. Die Sicherheitskontrollen wurden allein von Spürhunden durchgeführt und alles lief reibungslos ab. Um 12 Uhr saßen wir schließlich im Flugzeug, das uns in 12h15min nach Frankfurt bringen würde. Als wir um 13 Uhr schließlich endgültig abgehoben sind und einen letzten Blick auf Lima werfen konnten, wurde ich trotz aller Erleichterung und Vorfreude noch einmal etwas traurig und fassungslos, dass ich mein zweites Zuhause so plötzlich hinter mir lassen musste.

Freitagmorgen um 8:30 Uhr war es dann so weit und ich konnte meine bereits ungeduldig wartenden Eltern und meinen Bruder am Flughafen in die Arme schließen. Gleichzeitig hieß das aber auch, dass ich mich von den anderen Freiwilligen verabschieden musste, was ich schade fand. Zurück zu Hause habe ich auch gleich ein paar meiner Freunde begrüßt, aber in Gruppen treffen oder viel Zeit miteinander verbringen geht ja leider nicht…

Bei der Ankunft in Frankfurt

Alles in allem bin ich jetzt ganz zufrieden, meine Erinnerungen an Peru sind schön und hier zu Hause bin ich auch glücklich, muss mir aber noch eine Beschäftigung suchen.

Ayacucho

Ayacucho – eine wunderschöne Stadt mit knapp 100 000 Einwohnern in den Anden auf über 2700m mit Zentrum im Kolonialstil. Das war unser erster Eindruck, als wir am Montagmorgen hier ankamen. Die Luft ist angenehm frisch und der Himmel trotz Regenzeit blau. Ayacucho ist aber nicht nur einfach schön, sondern durch seine Geschichte auch ziemlich interessant.

Kolonialbauten

Den Ankunftstag haben wir einfach im Zentrum verbracht. Die Fußgängerzonen und der Hauptplatz sind schön und belebt. Wir haben auch kurz in eine der 33 Kirchen geschaut, die es in Ayacucho gibt (danke Mama und Papa, dass ich das mit euch immer machen musste, inzwischen mache ich es sogar freiwillig und gerne – den anderen hat es danach aber gereicht).

Anschließend haben wir uns bei den Einheimischen bis zu einem Aussichtspunkt über die Stadt durchgefragt, zu dem man durch ärmere Stadtteile gehen muss, die aber alle als sicher und ruhig bezeichnen.

Beim Mirador

Für Dienstag haben wir uns Kultur vorgenommen. Wir haben eine Tour gebucht, die uns zu der archäologischen Stätte Wari aus der prä-Inka-Zeit, das Dorf Quinua und das Schlachtfeld der letzten Unabhängigkeitsschlacht gegen die Spanier führt. Während wir etwas über die sehr alten Kulturen und auch die 200 Jahre zurückliegende Kolonialzeit erfahren haben, konnten wir vor allem die Ruhe, die Natur und den Ausblick genießen.

Obelisk auf dem Schlachtfeld

Auch am Mittwoch haben wir eine geführte Tour gemacht. Zusätzlich zu den vereinzelten Ruinen der Inka, die wir gesehen haben, hat uns wieder vor allem die Natur beeindruckt. Trotzdem ist auch sehr interessant, wie die Inka aus riesigen Steinen passgenaue Mauern bauen konnten.

Inka-Tempel mit Kirche aus der Kolonialzeit oben drauf
Andenpanorama

Donnerstag war unser letzter Tag in der Stadt, für den wir nichts genaues geplant hatten. Deshalb sind wir wieder einfach durch die Straßen gelaufen, haben Kuchen gegessen und sind in die Markthallen gegangen. Besonders auf dem Handwerkermarkt, wo die VerkäuferInnen noch von Hand Blumen und Muster auf Stofftaschen sticken, hat es uns gut gefallen und wir haben die ein oder andere Sache als Erinnerung gekauft.

Abends um 21 Uhr ging es dann über Nacht mit dem Bus zurück nach Lima, wo wir morgens um 7 Uhr ankamen und ins Kinderdorf gefahren sind.

Ferien im Kinderdorf

Im Dezember hat das Schuljahr geendet und seit Weihnachten sind Sommerferien. Bis nächste Woche sind also alle die ganze Zeit von morgens bis abends im Kinderdorf gewesen. Trotzdem hatte hier niemand jetzt knapp drei Monate Freizeit, sondern es gab einen geregelten Tages- und Wochenablauf.

Ausflug zur Zahnkontrolle

Von Montag bis Samstag beginnt der Tag, gleich wie in der Schulzeit, schon um 6:30 Uhr mit Aufstehen, Anziehen, Saubermachen, Frühstück und Zähneputzen. Kurz nach acht treffen sich alle zu einer Reunión, um dann mit den „Talleres“ zu starten. Das ganze Kinderdorf ist zu verschiedenen Aufgaben eingeteilt, zum Beispiel bei den Tieren, Handarbeiten, in der Küche oder einfach beim Putzen oder der Betreuung der Kleinen.

In der Mittagshitze von 12:00 – 15:00 Uhr ist dann Ruhezeit in allen Häusern, wo gegessen, Wäsche gewaschen, gespielt, Fernseher geschaut oder einfach geschlafen wird. Im Anschluss daran folgen weitere zwei Stunden, in denen alle ihren Talleres beiwohnen.

Seilspringen

Für uns ist die Ferienzeit ruhiger, da die Talleres keine offizielle Verpflichtung sind. Zwei helfen morgens immer in der Küche und manchmal gehen wir zu Handarbeiten, wo wir Armbänder knoten. Ab und zu wird auch Hilfe in der Kinderkrippe benötigt. Außerdem bin ich mittwochs und samstags beim Block- und Panflöten-, Cajon- und Gitarrenunterricht mit dem Musiklehrer. Donnerstags und sonntags öffnen wir wie immer den kleinen Kiosk.

Im Bällebad beim Ausflug

Zusätzlich organisieren wir Ferienangebote, die wir jede Woche durchführen. Montags machen wir Sport, z.B. Völkerball, Brennball, Volleyball oder Fußball. Freitag Nachmittag ist eine Olympiade, bei der die Häuser gegeneinander antreten.

Brennball erklären
Apfeltauchen

Am selben Tag abends ist „noche juvenil“, bei der wir mit den Jugendlichen ab 13 Jahren einen Film schauen, Spiele spielen oder eine Fiesta mit Tanz vorbereiten. Für die Jüngeren gibt es ab und zu eine Filmnacht, Mandalamalen, Puzzlen oder Armbänder flechten.

Vorbereitung für die noche juvenil

Wöchentlich komme ich so auf eine Arbeitszeit von knapp mehr als 40 Stunden, was auf 7 Tage und von morgens bis abends verteilt ziemlich entspannt ist. Ich merke auch, dass mir die Arbeit dadurch mehr Spaß macht und ich viel lieber Zeit mit den Kindern verbringe.

Die Kleinen in meinem Haus

Seit heute bin ich mit Emma und Sophie in Ayacucho, wo wir bis Freitag Urlaub machen. In einer Woche geht die Schule nach knapp drei Monaten wieder los und auch für uns wird sich der Alltag dadurch ändern. Es sind einige Neuerungen geplant, von denen ich dann bald berichten werde.

Nach einem halben Jahr…13.02.2020

Ganze 6 Monate – etwas mehr als die Hälfte des Freiwilligendienstes – bin ich nun schon in Peru. Heute vor einem halben Jahr sind wir losgeflogen ins unbekannte Peru, voller Neugier, aber auch verbunden mit etwas Angst. Für ein ganzes Jahr, was mir beim Abschied noch viel länger erschien, als gedacht…

Inzwischen blicke ich zurück, wie wir ohne große Spanischkenntnisse oder pädagogische Ausbildung hierher gekommen sind. Ich erinnere mich an einige Momente des Heimwehs, Verlorenheit bei dieser so anspruchsvollen Arbeit und das Gefühl, einfach fremd zu sein. Gleichzeitig betrachte ich die positive Entwicklung einzelner Kinder, die wachsende Vertrautheit untereinander und mit dem Land selbst und auch Fortschritte meinerseits. Ich habe mich gut eingelebt, so dass ich hier wirklich zu Hause bin, die Leute und Kultur kennengelernt und fühle mich sehr wohl. Trotz allem würde nicht sagen, dass ich mich verändert habe, sondern nur an Situationen gewachsen bin und mich weiterentwickelt habe.

Außerdem kann ich dankbar auf viele schönen Momente zurückblicken. Reisen, Feste und auch einfach geteilte Zeit an „normalen“ Tagen, die mir in Erinnerung bleiben werden. Meine Lage könnte eigentlich nicht besser sein, denn ich bin rundum zufrieden.

Auch vor mir stehen noch knapp 6 Monate, in denen ich stetig weiterlernen und Erfahrungen sammeln will. In einem Monat beginnt für die Kinder und Jugendlichen nach 3 Monaten Sommerferien ein neues Schuljahr. Davor möchten Emma und ich noch für ein paar Tage verreisen und im Mai kommen dann meine Eltern, mit denen ich ebenfalls reisen werde. Danach bleiben mir nur noch eineinhalb Monate im Kinderdorf, denn ab Mitte Juli werde ich mit den anderen Freiwilligen noch in den Norden Perus reisen, bevor wir schließlich endgültig unseren Freiwilligendienst beenden und nach Deutschland zurückkehren.

Mein Zeitgefühl ist irgendwie verschoben und schwer zu beschreiben. Ich erinnere mich an die Zeit vor dem Abflug, als wäre es nicht lange her, während die Schulzeit aber ewig zurückzuliegen scheint. Der Aufenthalt in Peru, die einzelnen Tage und Wochen, vergehen einerseits schnell, andererseits lebe ich eine Routine, kenne die Leute, und habe so viel erlebt, als wäre ich schon sehr lange hier.

Ebenso mit der bevorstehenden Zeit. Rein theoretisch ist nur gut die Hälfte des Freiwilligendienstes vorbei und mir bleibt noch eine gefühlte Ewigkeit. Trotzdem wirkt es durch die einzelnen Abschnitte (Ferien, Schule, Reisen, Schule, Reisen) so, als blieben mir nur ein paar Wochen bis zum Abschied von Peru und dem Wiedersehen mit meiner ganzen Familie und meinen Freunden.

Ich werde mir immer wieder dessen bewusst, wie irreal es für mich eigentlich ist, „alleine“ (ohne jegliche Personen, die ich vor dem Jahr kannte) in Peru zu sein und anschließend so zurückzukehren, als wäre ich nie weg gewesen (denn bis auf die abgeschlossene Schulzeit ist wahrscheinlich alles gleich). Gerade deswegen genieße ich jeden Tag und freue mich auf alles, was mich hier noch erwartet.

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