Vor dem Freiwilligendienst
Die Entscheidung, dass ich nach dem Abitur ins Ausland möchte, habe ich gar nicht aktiv getroffen. Dieser Gedanke ruhte schon lange in mir und die Entscheidung für Südamerika traf ich auch eher unbewusst, da ich einerseits in ein unbekanntes Land reisen und andererseits Spanisch lernen wollte. Mein Fokus bei der Recherche lag aber sowieso mehr auf den einzelnen Projekten, bei denen ich mir die Inhalte ansah. Ich überlegte zwischen Musikprojekten mit Straßenkindern, Schulassistenzen und Kinderdörfern, bis ich schließlich entschied, direkt mit den Kindern Zusammenleben und Beziehungen aufbauen zu wollen, so dass nurnoch Kinderdörfer übrig blieben. Nachdem mir das eine Kinderdorf durch mein Alter verschlossen blieb, bewarb ich mich voller Vorstellungen und Vorfreude im Juli 2018 bei Volunta und wurde kurzum zum Vorstellungsgespräch eingeladen und direkt für mein favorisiertes Projekt angenommen.
Je näher meine Abreise rückte, umso größer wurden trotzdem auch meine Zweifel. Ein ganzes Jahr ohne Familie und Freunde ist schon ziemlich lang… Und wieso mache ich es mir selbst so schwer und reise nicht einfach in ein englischsprachiges Land? Wieso möchte ich denn Spanisch überhaupt lernen und wozu brauche ich das danach?
Der Abschied aus Deutschland war sehr schmerzhaft und ich begann, das Jahr vorerst als eine Challenge an mich selbst zu sehen. Ich wollte das unter allen Umständen durchziehen, um die Erfahrungen zu sammeln, auch wenn sie nicht nur positiv sein würden.
Die ersten zwei Monate
Anfangs war ich maßlos überfordert. Meine ideologischen Vorstellungen von friedlichem Spielen mit den Kindern und ausschließlich Erfolgserlebnissen stimmten natürlich nicht mit der Realität überein. Hinzu kam die Sprachbarriere, die zu Beginn problematischer war, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich fühlte mich schon fast kindlich naiv, denn mit solchen Dingen hätte ich schließlich rechnen können. Auch das Heimweh holte mich immer wieder ein, wenn erneute Enttäuschungen bei der Arbeit mit den Kindern mich erreichten. Aufgeben war trotzdem nie eine Option für mich und ich bin dankbar, dies alles durchgestanden zu haben.

Weitere Entwicklungen
Ich gewöhnte mich mehr und mehr an die Kinder, die Sprache, die Tätigkeiten und das hohe Arbeitspensum. Außerdem bekamen Emma und ich durch die neuen Freiwilligen Unterstützung und neuen Schwung. Die Arbeit konnte ich inzwischen mehr genießen und die Verständigung auf Spanisch stellte sich für mich meist einfach dar. Mit den alltäglichen Abläufen war ich wurde ich vertrauter und hatte meinen Platz im Kinderdorf gefunden. Im November konzentrierten sich alle auf die Vorbereitungen des Jubiläums und im Dezember auf Weihnachten, so dass gar keine Zeit für schlechte Gedanken oder Laune blieb. Mit Beginn der Sommerferien fiel die ganze Last ab und ich war sehr zufrieden über all die erreichten Ziele und schönen Erinnerungen. Nun hatte ich wieder mehr Zeit für mich und auch für eine Reise, die mir sehr gut getan hat. Auch nach meiner Rückkehr ins Kinderdorf konnte ich die Sachen gelassen angehen und verbrachte meine Zeit sehr gerne und viel mit den Kindern. Ich hatte mir schon längst abgewöhnt, zu viele Ansprüche oder hohe Erwartungen an mich und die Entwicklung der Kinder zu stellen, sondern konnte die Momente einfach genießen.
Das Ende
Der Abschied kam sehr plötzlich und hat mich überrumpelt. Meine Gefühle, nachdem ich erfahren habe, dass wir nach Hause müssen, schwankten tagelang zwischen Trauer, Wut und Hilflosigkeit, aber auch Vorfreude, dann schließlich Akzeptanz. Dass ich das neue Schuljahr, Geburtstage und weitere Reisen nun nicht mehr erleben kann, finde ich trotzdem noch schade, denn ich werde nie wieder so lange und gut im Kinderdorf integriert leben.
Zurück in Deutschland
Die Begrüßung meiner Familie am Flughafen hat sich angefühlt, als wäre ich gar nicht wirklich weg gewesen. Insgesamt ist es noch irreal, im Kinderdorf gewesen zu sein, da ich diese Welt mit niemandem teilen kann, da meine Familie und Freunde nie dort waren und es nicht kennen.

Die ersten Dinge, die mir an Deutschland aufgefallen sind: das Wetter (denn ganz so kalt war es in Peru nichtmal im Winter), die Straßen und Häuser („makellos“ instand gehalten, sauber und nicht umzäunt) und die Sauberkeit (im Gegensatz zum Leben in der Steinwüste, wo das Staubaufkommen einfach riesig ist). Ich genieße auch die vielen Möglichkeiten beim Einkaufen und das abwechslungsreiche Kochen oder Backen.
Weniger Möglichkeiten gibt es leider in der Freizeitgestaltung, die durch Corona eingeschränkt ist. Meine Großeltern konnte ich noch nicht besuchen und treffe mich auch nur wenig mit Freunden. Weder gemütliche „Singstar“- oder „Wii“-Abende, worauf ich mich in Peru schon gefreut hatte, noch der Gang ins Deja sind zurzeit möglich.
Meine persönliche Entwicklung
In diesen knapp acht Monaten habe ich viel Neues gesehen, stand Problemen gegenüber und wurde mit meinen eigenen Grenzen konfrontiert. Ich habe Dinge gefühlt und bin in Situationen gewesen, die ich vorher so nicht kannte. Dadurch bin ich teilweise über mich hinausgewachsen, mir wurden die Augen geöffnet und ich habe dazugelernt…
Außerdem ist bei mir ein Umdenken in Bezug auf Konsum erfolgt. Seitdem ich gesehen habe, wie klimafreundlich im Kinderdorf oder auch in den Anden gelebt wird und wer bald schon – selbst unverschuldet – unter den Folgen des Klimawandels leiden wird, ist mein Bewusstsein für Kaufen und Müll gestiegen.
Das offensichtlichste an meiner Veränderung ist wohl, wie ich mich ernähre. Während ich vor meinem Freiwilligendienst nur sehr wenige Dinge gegessen und probiert habe, schmeckt mir inzwischen fast alles. Außerdem helfe ich beim Kochen zuhause viel mit oder koche, spüle und putze ganz alleine, da ich in Peru gemerkt habe, wie sehr man die Hilfe anderer schätzt und wie viel Arbeit durch solch „kleine“ Dinge zusammenkommt.
Alles in allem bin ich Dankbar, die Möglichkeit gehabt und genutzt zu haben, im Kinderdorf in Peru zu leben und zu arbeiten. Ich bin stolz, auch schwierige Zeiten überstanden und Probleme gelöst zu haben. Froh kann ich nun auf die vielen wundervollen Erinnerungen zurückblicken, die mir im Gedächtnis und durch Fotos für immer bleiben werden.















